Dienstag, 31. März 2015

Mollig, rund, dick, dünn,...

... mager, hager, schlank, plus size, skinny, dürr, fett, usw. usw. 1000 Begriffe, die nur manchmal beschreibend genutzt werden. Viel öfter transportieren sie eine Botschaft, die der so bezeichneten Person klar machen soll, was man von ihrem Äußeren und damit von ihr selbst hält. Eine ganze Industrie verdient sich dumm und dämlich an der Hackordnung der Eitelkeit und der daraus resultierenden Selbstkritik, an unserer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, an der Hoffnung, mit irgend einem neuen Mittel, mit einem anderen Weg nun endlich die gewünschte Hülle kreieren zu können.

Ich persönlich mag es nicht mehr hören. Weder in die eine noch in die andere Richtung. Deswegen hier ein Plädoyer für die Freude am Leben und so viel Gesundheit wie möglich mit der ganz eigenen, persönlichen Kleidergröße. 

Und ein paar Gedanken dazu, wie es kommen kann, dass eine Figur sich drastisch verändert. Kleiner Rückblick auf mein Leben: 

Ich war in unserer Familie immer die Robuste, Gesunde, die, die keine Krankheit umhaut. Meine 3 älteren Geschwister, besonders die beiden "großen" waren schmal und zart und kränklich, sie hatten mit Asthma zu kämpfen. Ich war nicht dick, aber pumperlgsund, wie man es vielleicht nennen könnte.... :)





Wonnepröppchen.... aber fett?
Als Kind war ich normal gewichtig, es gab nicht übermäßig viel zu Essen bei uns zu Hause, normale Mahlzeiten, kaum Süßigkeiten. Extras gab es eigentlich nur, wenn meine Tante zu Besuch kam. 
Als ich ca.9 Jahre alt war, kam es zur Trennung meiner Eltern. Das war sicherlich gut und richtig, aber es war eine sehr harte Zeit, wie ich im Nachhinein finde. Ich denke, damit ist es zu begründen, dass ich auf einmal mit 10 Jahren ziemlich mollig war! Ich habe in der Zeit der Trennung weder mehr gegessen noch mich weniger bewegt oder dergleichen, es kam einfach so und blieb erstmal. 

Merkwürdigerweise wurde ich von da an ganz anders behandelt. Mir wurde bedeutet, dass ich selbst schuld sei, dass ich eben nicht so viel essen solle (???), dass ich "verfressen" sei, meine Oma prophezeite mir, ich würde sicherlich mal an "Herzverfettung" sterben, weil ich ja so ein Vielfrass wäre.... und mein Vater versuchte mir Essen zu verleiden indem er mich aufforderte, ich solle mir ein schönes Stück Fleisch vorstellen, mit leckerer Soße und Gemüse, und "jetzt stell dir vor, da kommen ganz ekelige Maden und Würmer raus und die ringeln sich über den Teller. Jetzt hast du keinen Hunger mehr, du kleine Dickmadam, oder?" Und ich fühlte mich wie ein Versager, wie der unfähigste Mensch, wusste dabei aber gar nicht, was ich falsch machte. Weder plünderte ich des Nachts den Kühlschrank noch kaufte ich mir heimlich Süßigkeiten. Aber ich war anscheinend wohl ein ganz schreckliches Kind. Ich war schuld, dass die Anderen sich für mich schämen mussten. Ich war diejenige, die es nicht hin bekam. Ich war wohl irgendwie anders und nicht so wertvoll. Ich war 10. 

Mit 12 war mein Selbstbewusstsein auf dem Nullpunkt. Ich hasste mich und lehnte mich genau für die Dinge ab, die mir immer wieder vorgeworfen wurden. Denn wenn du dick bist, heißt das ja oftmals auch, dass du faul und zu nichts nütze bist. So der Volksmund.  Und ich begann zu hungern. Und es klappte. Sogar sehr gut! Mit 14 war ich schlank, mit 15 war ich dürr. Ich spielte damals Eishockey in der Damenliga, das hieß jeden Tag Training, und ich ernährte mich von ca. 800 bis allerhöchstens 1000 kk pro Tag.

... auf dem Weg von der "kleinen Dickmadam" zum dürren Teenie. Man beachte den Gesichtsausdruck... ich weiß noch, dass ich total cool aussehen wollte :)) Naaaja.
Endlich hatte die Hetzjagd ein Ende! Ich war wie die Anderen! Jungs beachteten mich! Die Schwindelanfälle nah an der Ohnmacht und das Einschlafen in der Schule fand ich mal nicht so schlimm. Ich hätte es auch niemals in Zusammenhang gebracht mit meiner desolaten Ernährungsweise! Ich hatte keine Ahnung, was mein Körper braucht, wollte nur nicht dick sein. 

Dünn ging es weiter, mit einigen schwangerschaftsbedingten Spitzen nach oben, aber auch wieder hinunter. Nach dem dritten Kind war ich schlank. Bis auf 4 Kilo, die dann auch recht schnell weg waren, war soweit alles ok. Solange, bis mein Leben explodierte. 

Der Zeitraum, in welchem die Trennung vom Vater meiner Kinder stattfand, war die erste Zeit in meinem Leben , in welcher ich tatsächlich viel gegessen habe! Ich stand quasi neben mir und schaute mir zu, wie ich es einfach nicht mehr hin bekam, nur meine sorgsam gewählten Miniportionen zu wählen. Essen war in dieser Zeit sicher, beruhigend, und es war als einzige Krücke immer für mich da. Man ahnt es....nach ca. 1 Jahr war ich von Kleidergröße 38 auf Kleidergröße 46 angewachsen. 
Es folgte Diätversuch über Diätversuch, super tolle Erfolge, nur merkwürdigerweise hielten diese immer nur eine bestimmte Zeit an, dann nahm ich wieder zu, immer etwas mehr als zuvor. Mein Leben fand in dieser Zeit nicht statt, denn mein Kopf spielte wieder das alte "Wertlos" Lied. Es hieß: Wenn ich erst schlank bin, dann werde ich.....! Und bis dahin bin ich ein Nichts.

Bei Größe 52 hörte ich auf, es zu versuchen. Ich gab auf. Hatte Angst, durch die ganze Punktezählerei, durch  die Shakes, durch Suppen und Hungern irgendwann bei Größe 60 anzukommen. Und was soll ich sagen, sobald ich das Karussell der Eitelkeiten verließ, nahm ich nicht mehr zu. Mein Gewicht blieb konstant, ich aß wenn ich Hunger hatte, und schaute nicht besonders darauf, was ich aß, aber es passierte nichts Schlimmes. Interessanterweise trieb ich die ganze Zeit über Sport.. außer in den Schwangerschaften war ich immer irgendwo aktiv. Zwar keinen Mannschaftssport mehr, aber ich war im Sportverein, später im Fitnessstudio.

Allein erziehend und versorgend, mit drei Kindern und einem Vollzeitjob, hatte ich anderes zu tun, als ständig an mir herumzukritteln, und so blieb es eine Weile so. Bis ich meinen jetzigen Mann kennen lernte, der mich mit jedem Pfund so liebte und so nahm, wie ich bin. Der mich immer schön fand und mir dies auch sagte. Endlich war da Geborgenheit und Annahme, und das tat so gut. Und interessanterweise führte das mit der Zeit dazu, dass die Pfunde wieder ein wenig purzelten. Ohne Diät, denn die brauchte ich ja nicht machen!

Angekommen bin ich zur Zeit bei Größe 46/48 und fühle mich gut. Mein Aussehen ist für mich ok, meine Gesundheit ist ok, meine Beweglichkeit auch. Wenn irgendwann mal stressfrei noch ein paar Pfunde gehen möchten, dann dürfen sie das tun, aber ich werde mich nie mehr in diese erniedrigende Prozedur des Hungerns und des Zunehmens begeben. Die Pfunde, die runter sind, sind nicht weg, weil ich gehungert habe. Soviel steht fest.

Natürlich heißt dass nicht, dass ich mich nicht gesund ernähren möchte, wie man auch an meinen Zuckersparversuchen und der Smoothieobsession sieht. Aber ich gehe nicht mehr hin und streiche mir jede Kartoffel vom Punkteplan ab.....


Warum mache ich mich hier so nackig? Aus oben genanntem Grund. Ich mag es nicht mehr hören, nicht mehr lesen, nicht mehr spüren, dass verschiedene Gewichtsklassen anders be- oder verurteilt werden. Es gibt unendlich viele Geschichten, die der meinigen ähneln. Und immer haben sie etwas mit Kontrollverlust durch Angst oder Gram, mit Einsamkeit und mit fehlender Sicherheit zu tun. Die meisten Dicken sind Meister im diäten, im hungern. Viele haben im laufe ihrer Diätkarriere ihr eigenes Gewicht schon ab- und wieder zugenommen. 

 Es ist interessant, wie stark gewisse Vorurteile in den Köpfen der meisten Menschen verankert sind. Dicke sind verfressen, sind faul, sind unsauber, zu nichts nutze, sie liegen dem Bürger auf der Tasche, sie werden eher krank, und so weiter. Wie oft musste ich mit Höchstgewicht erst beweisen dass mein Hirn nicht verfettet ist und ich sehr wohl im Stande bin, Zusammenhänge zu begreifen und sogar komplexe Arbeiten fehlerfrei auszuführen....

Auch bei den Kleinen an meinem Arbeitsplatz finden sich diese Vorurteile schon zu Hauf. Man hört genau, wie zu Hause geredet wird, denn die Kinder formulieren die Dinge, die die Erwachsenen denken.
Untereinander sind die Steppkes heute gnädiger als früher. Ein Ausgrenzen findet nicht mehr so häufig statt wie damals, zu meiner Schulzeit. Das ist Etwas, was mich sehr freut! Aber im Umgang mit den robuster gebauten Erwachsenen hört man doch so dann und wann:" Frau Pyrgus, du hast aber einen dickeren Bauch als Frau K.!" Und ein anderes Kind: "Sowas sagt man doch nicht, Paul!" Ich versuche dann immer, den Kindern zu vermitteln, dass sie ganz normal mit den verschiedenen Menschen umgehen dürfen. Dass sie dick "dick" nennen dürfen und dünn "dünn", und das es darauf nicht ankommt sondern auf den Menschen, den sie ja augenscheinlich mögen! Dass es dickere, schöne Menschen gibt und dünnere, und dass sie sich die Menschen um sie herum immer mal genauer anschauen sollen, dann werden sie sicherlich etwas Schönes an jedem entdecken!

Den molligen Kindern mache ich Mut, mitzuspielen, zu turnen, zu rennen, auszuprobieren was geht, sie selbst zu sein, zu sich zu stehen. Aber ich möchte auch, dass sie lernen, ihre ganz persönlichen Grenzen wahrzunehmen. Wenn eine Rolle auf der Stange nicht geht, weil der Bauch im Weg ist, dann geht das erst mal nicht. Auch das darf sein. Sie sollen sich selbst achten, wie sie sind, denn es ist nicht sicher, ob sie einmal schlank sein werden. Genetische Vorbelastung, falsche Ernährung im Elternhaus, alles Mögliche kann dazu führen, dass sie es nicht schaffen werden, ihre Figur zu verändern. Deswegen müssen sie lernen, schon jetzt glücklich zu leben. Sie sollen sich nicht schuldig fühlen.

Einem kleinen Jungen, der ordentlich was auf den Rippen hat, sage ich manchmal:" M., weißt du was, wenn du mal Muskeltraining machst, dann kriegst du ganz schnell schöne Muskeln, dass sieht man deinem Körperbau schon an!" Warum sollte man die Kinder verantwortlich machen für ihr hohes Gewicht? Ihnen vielleicht noch mit Hohn und Verachtung entgegen treten.... Man kann sie nur ermutigen, sich viel zu bewegen und man kann versuchen, über Essgewohnheiten aufzuklären. Mit gesundem Essen und genügend Bewegung ist schon viel gewonnen.

 Vorurteile und falsche Annahmen, die sich in unseren Köpfen befinden, sind veränderbar. Wir können und sollten die Kiste mit übernommenen und angelernten Gedanken über Andere genau so ausmisten und überarbeiten wie unsere Kleiderschränke... ich bemühe mich, jedem Menschen so neutral wie möglich gegenüber zu treten. Dies ist natürlich anfangs schwer, wird aber immer mehr zur Gewohnheit! Und es lohnt sich!







Kommentare:

Septemberwelle hat gesagt…

Was für ein wunderbarer Beitrag, ich danke dir sehr dafür.
Und ich wünsche jedem Kind so eine Lehrerin wie du eine bist. Leider gibt es immer noch andere...

Liebe Grüße
Septemberwelle

Elisabeth Palzkill hat gesagt…

Liebe Gabi,

es ist schön, dass du so offen darüber schreibst.
Das kann jedem helfen.

Herzliche Dankesgrüße
Elisabeth