Donnerstag, 9. Februar 2017

Ende der Pause. Abschiebeschutz?

Ok. Das war jetzt nicht wirklich lange. So, wie ich auch im echten Leben nicht wirklich lange den Mund halten kann, wenn ich was zu sagen habe. Naja. Jedenfalls habe ich mich nach all dem "Inmichgehen" und "Neuentdecken" ... "Älterwerden" beschlossen, dass es jetzt mal reicht mit meiner autophilosophischen Phase. Einfach machen! Das ist meine neue Devise. Nicht mehr so viel nachdenken, und schon gar nicht den unangenehmen Gedanken Raum geben. Ob ich durch bin mit der Metamorphose? Von der Raupe zum.. ne, Schmetterling triffts nicht wirklich. Aber dicke Motten sind auch ganz hübsch. Egal. Ich schreibe ja, weil mir Etwas auf der Seele brennt. Etwas, was ich einfach mitteilen möchte. 

Es geht um eine Unterhaltung mit einem Flüchtlingsmädchen. Sie sagt von sich selbst, dass sie nicht genau weiß, wie alt sie ist. Ich würde sie auf 10 bis 11 schätzen. Ein sehr aufgewecktes, reflektiertes und liebes Mädchen. Seit sie im Lande ist, bemüht sie sich ständig, gut zu lernen. Mittlerweile kann sie sich schon sehr gut verständigen und wir unterhalten uns des Öfteren.

Eines Tages saßen wir draußen beieinander und sie sagte " Weißt du Frau Pyrgus? Hier alle Mädchen gut und sicher. Als ich in Afghanistan war wir hatten immer Angst. Alte Männer von Terrorgruppe (sie nannte die Namen der Organisationen, die nenne ich nicht) kamen und wollten die Mädchen der ärmeren Familien als Frau oder als Hausmädchen haben. Gaben sie Geld. Wenn Vater nicht machen wollte die sagen ich dich töten! Und haben auch getötet viele Männer. Stell dir vor Frau Pyrgus! Ein alten Mann mit ein 6 jährig Mädchen! 
Zu mein Haus sind auch gekommen! Ein älterer Mann mit große Haus. Sagen zu mein Vater, er wollen mich als Hausmädchen kaufen. Mein Vater sagen, ist noch Kind und soll erst was lernen. Solange ich noch hier bin du kannst sie nicht haben! Der Mann sagen, dann ich kommen wieder und töte dich. 
Mein Vater ist in Waldloch versteckt dass wir kannten. Kam nur mitten in Nacht um Familie zu sehen. Sonst die hätten ihn geholt. Er mir zeigen wie schießen mit .... Gewehr, du weißt schon warum. Dann wir alles dafür getan um Afghanistan zu verlassen. So sind wir gekommen zu Deutschland. Jetzt wir müssen bestimmt zurück! Mama bekommt Baby und wenn sich rausstellt, dass Bruder krank ist, wir können vielleicht hier bleiben. Wenn nicht, wir müssen zurück zu Afghanistan. 

Und als ich, mit den Tränen kämpfend, sagte:" Da muss doch was zu machen sein! Ich erkundige mich! Irgendeine Möglichkeit muss es geben!" ... da schaute sie mich ernst an und sagte:" Nein, Frau Pyrgus! Du bist lieb, aber du können nichts tun. Das Gesetz!"

Kennt ihr das Gefühl, wenn man ganz einfach schreien möchte aufgrund der bescheuerten Paragraphenreiterei und Wahlkampfsumtriebigkeit? Es kotzt mich an, und einmal mehr: Es kotzt mich so unbeschreiblich an, dass der gesunde Menschenverstand Hausverbot bei den entscheidenden Stellen zu haben scheint. 

Wer mich kennt, weiß, dass ich dem Flüchtlingszustrom nicht uneingeschränkt zustimme. Und es ist sicherlich sehr schwer, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zu erkennen, ob eine Geschichte wahr ist, oder ob nur ausgedacht, um anschließend fröhlich als Sozialschmarotzer hier zu leben. Aber wenn doch Kinder im Spiel sind.... ich meine, Kinder? Ist das kein gewichtiges Entscheidungskriterium? 
Und hieß es nicht, sie genießen Abschiebeschutz? 



Nachtrag: Über einen Kinderarzt und einen Politiker, der über die Thematik Bescheid weiß habe ich nun erfahren, dass das Thema derart kompliziert ist, dass man nichts daran machen kann. Die Situation ist so, wie sie sich darstellt, dass die Familie komplett ist und die Kinder daher als ausreichend geschützt gelten. Afghanistan gilt nicht als reines Krisengebiet und daher kann man dort leben. Diese Vorkommnisse, so wie sie von der Kleinen geschildert wurden, sind wohl nicht entscheidungsrelevant. 


Noch ein Nachtrag: Diesen schreibe ich am 19.07.2017
Vor wenigen Tagen habe ich erfahren, dass das Mädchen samt Familie bleiben darf. So, wie auch andere Familien aus der gleichen Situation. 








Kommentare:

Astrid Ka hat gesagt…

Den ersten Schritt hast du getan: Es hier öffentlich gemacht. Jetzt andere ins Boot holen, change.org z.B., Mails, Briefe an Stadträte schreiben, Kirchengemeinden ansprechen, im Netz Gleichgesinnte suchen. Man wächst mit solcher einer Herzenssache, glaub mir.
LG
Astrid

Helma Ziggenheimer hat gesagt…

Ich finde es schön, dass Du wieder da bist! In vielem, was Du (be)schreibst, finde ich mich auch wieder.
Beim Lesen dieses Posts hatte ich unwillkürlich Gänsehaut. Man kann sich solche Situationen überhaupt nicht vorstellen und man kann sich einfach nicht vorstellen, dass es so etwas immer noch gibt. Dass Väter getötet werden, wenn sie ihre minderjährigen Töchter nicht verkaufen.
Dennoch frage ich mich.. Wieso weiß das Mädchen nicht, wie alt sie ist? Weiß ihre Mutter das denn nicht?
Unabhängig davon.. Diese Aufgabe, darüber zu entscheiden, wer bleiben darf und wer wieder "nach Hause" muss, würde ich nicht tragen können. Ich glaube nicht, dass ich mit dem Bewusstsein leben könnte, über menschliche Schicksale zu entscheiden; darüber zu entscheiden, was aus einem Menschen wird. Wie soll man wissen und einschätzen, ob man je die richtige Entscheidung trifft? Rein nach Aktenlage? Das kann man doch gar nicht, oder? Hinzu kommt ja auch, dass insbesondere mit der enormen Zuwanderung in 2015 die Ämter überlastet sind. Ich kann mir schon vorstellen, dass es viel Zeit braucht, zunächst Akten zu studieren, sich mit den einzelnen Schicksalen zu befassen - und ich kann mir vorstellen, dass das in den meisten Fällen gar nicht mehr möglich ist oder überhaupt praktiziert wird. Das bedeutet, dass die Menschen, die auf die Entscheidung warten, mitunter monate- oder jahrelang warten, sich inzwischen integriert haben, arbeiten, leben, ihre Kinder hier zu Schule gehen lassen.. Das bedeutet, beide Seiten leben unter permanentem Druck: Die einen brauchen die Entscheidung, die anderen sollen entscheiden und das möglichst schnell..
Der Abschiebeschutz für Kinder, bezieht er sich nicht "nur" auf Kinder, die ohne ihre Eltern hierher kamen? Weil man davon ausgeht, dass Kinder, die mit ihren Familien kommen, deren Schutz genießen? Wo fängt man an, wo hört man auf? Ich glaube nicht, dass man für jede mögliche oder unmögliche Situation eine Lösung vorgesehen hat - weil man nicht auf jede Situation eingestellt ist. Aber gerade bei der Fülle an Anträgen denke ich schon, dass man wissen muss, wann man etwas wie entscheidet und auf welcher Grundlage. Insofern halte ich gesetzliche Regelungen auch nicht für falsch. Grad weil ich mir auch vorstellen könnte, dass Einzelfallentscheidungen immer möglich sind oder wären.
Wenn ein Deutscher ins Ausland geht, muss er schauen, dass er Arbeit bekommt und seinen Lebensunterhalt verdient. Klappt das, kann er bleiben, klappt es nicht, geht er nach Hause oder woanders hin, weil er sonst kein Einkommen hat. Staatliche Hilfen gibt es da keine. Egal, ob er Kinder hat oder nicht. Wäre das auch denkbar bei uns? Würde sich dann noch die Frage nach "Sozialschmarotzen ja oder nein" noch stellen?

Pyrgus hat gesagt…

Ja Astrid, das stimmt wirklich. Die ganze Sache entwickelt gerade eine Eigendynamik. Über verschiedene Menschen, denen ich davon erzählt habe, kommt es nun auch an solche Stellen, die mit dem Thema befasst sind. So erhoffe ich mir fundierte Antworten. Gut ist, dass man mit dem Wissen dann für andere Fälle gewappnet ist. Denn es werden ja nicht weniger. Ich bin über mich selbst erschrocken, wie unwissend ich bislang in dieser Sache war!

Helma, ja, es stimmt leider, dass dieser Abschiebeschutz nur für Kinder gilt, die ohne Eltern hier sind. Das wusste ich vorher nicht oder habe es wahrscheinlich auch gelesen und nicht wahr haben wollen. Das ist schon mal so, wenn mir der kühle Kopf fehlt. In der Tat, ich möchte nicht die Entscheidungen treffen müssen, wer muss gehen, wer darf bleiben!

Es ist leider so, dass viele der Menschen, die herkommen, sich ihre Geschichten zurecht gelegt haben. Dazu gehört häufig auch, den Kindern einzuschärfen, ihr richtiges Alter nicht zu nennen. Das Mädchen behauptet allerdings, in Afghanistan wären Mädchen ja nicht so wichtig, daher merke sich niemand ihr richtiges Geburtsjahr. Kann sein, kann auch nicht sein. Ich als Mutter kenne die Geburtsjahre meiner Kinder. Aber was, wenn ich eine Frau bin, die überhaupt nicht viel weiß? Weil ich in meinem Land weniger wert bin als eine Kuh?

Tja es ist wirklich schwierig. Ich hoffe einfach, dass eine Familie mit Kindern anders "bewertet" wird als Jemand, der zu uns kommt und meint, er müsse hier die Sau rauslassen, weil ihm außer einem erhobenen Zeigefinger nichts droht.
Deine Überlegung, die Sache mit dem Bleiberecht so zu gestalten wie in anderen Ländern scheitert sicherlich oftmals an der Tatsache, dass wir als ausgebildete Fachleute irgendwo hinkommen, um dort gern und gut zu arbeiten, während viele Flüchtlinge keine Ausbildung, keine erlernten Fähigkeiten und auch eine komplett andere Arbeitsmoral haben.

Liebe Grüße!

Rostrose hat gesagt…

Hallo du Liebe!
Achje, das ist wirklich ein trauriges Thema, eines über das man bestimmt länger als "ewig und drei Tage" sprechen könnte. "Eigentlich" müssten die Dinge anders laufen als sie das tun - sowohl in D als auch bei uns in Ö. Denn "eigentlich" müsste jeder Flüchtling, jede Familie und deren Geschichte genau geprüft, müsste den Flüchtlingen RICHTIG GUT zugehört werden, müssten psychologisch geschulte Menschen herausfiltern, wer aus blanker Not, aus Überlebensangst, aus Angst, dass die Tochter zur Haus- und Lustsklavin eines Alten werden könnte... hierher kommt und wer sich hier wohl eher in Richtung "Problemfall" entwickelt... Aber woher all diese psychologisch Geschulten nehmen, wer soll das bezahlen usw. Auch die Integration derjenigen, die bleiben können, läuft holperig und manchmal in eine Richtung, die eher das Gegenteil bewirkt - Abgrenzung, das Gefühl, hier nicht willkommen zu sein und das Gefühl, dass die Menschen hier doch so schlecht sind, wie man's schon mal irgendwo gehört hat... Ja, wie gesagt, man könnte ewig darüber diskutieren, und käme wohl trotzdem nicht auf einen grünen Zweig... Ich finde es jedenfalls gut und wichtig, dass du das Thema angesprochen hast!
Dank dir auch sehr für deine lieben Kommentare bei mir. Es stimmt vermutlich, dass Nestlé außer den genannten auch noch Unterfirmen führt, die Produkte für die Discounter herstellen - aber nachdem unsere Einkäufe immer weiter und weiter in Richtung Bio-Marken oder Hofladen gehen und wir kaum noch bei Discountern einkaufen, denke ich, dass der Großkonzern auch in diesem Punkt schlechte Karten bei uns hat ;-)
Herzliche Rostrosengrüße, Traude